Geschichten, die bleiben – über Medien, Marken und den Code guter Kommunikation

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WeissBunt Folge 61 - Transkript

Prof. Dr. Jalid Sehouli: Willkommen auf meinem Podcast WeissBunt. Mein Name ist Prof. Dr. Jalid Sehouli und bin Direktor an der Frauenklinik der Charité. Und alle drei Wochen suche ich mit den unterschiedlichsten Gästen den Code des Lebens. Produziert von Brand Activation Berlin. Ich freue mich auf Sie, Ihr Jalid Sehouli.

Prof. Dr. Jalid Sehouli: Willkommen bei WeissBunt und heute ein ganz besonderer Ehrengast. Christian, niemand kann sich besser beschreiben als man selbst. Wer bist du?

Christian Bracht: Vielen Dank für die Einladung erstmal. Mein Name ist Christian Bracht. Ich bin gebürtiger Ostwestfale. Eine lustige Bezeichnung, aber das ist ein ganz spezieller Menschenschlag, die für ihre Gradlinigkeit und Klarheit bekannt sind. Vom Beruf her bin ich professioneller Geschichtenerzähler. Sprich, ich bin ein Medienunternehmer, mache verschiedene Medienmarken, die ich auf diversen Kanälen bespiele und bin ein leidenschaftlicher Menschenfreund.

Prof. Dr. Jalid Sehouli: Das klingt erstmal spannend. Und bevor wir darauf eingehen, was wirklich ein Ostwestfale ist, und das meine ich ernst, weil ich bin ja, wie du weißt, Weddinger, Berliner und bin geografisch wirklich sehr, sehr schlecht bewandert. Nichtsdestotrotz, bevor wir darüber sprechen und was überhaupt ein Medienunternehmer ist, würde ich gerne wissen, was hat ein Christian Bracht mit 13 so angestellt und wovon hat er geträumt?

Christian Bracht: Mit 13, ja, das ist ganz einfach zu erklären. Ich war ein leidenschaftlicher Fußballspieler. Ich habe jeden Tag mit meinem Bruder oder mit der Fußballmannschaft mindestens drei Stunden am Nachmittag Fußball gespielt und habe von einer Karriere natürlich bei einem tollen Fußballklub geträumt. Und weil ich Kälte schon damals nicht mochte, habe ich mir immer vorgestellt, für Rio de Janeiro zu spielen, im weltbekannten Maracanã-Stadion. Das war irgendwie so ein Kindheitstraum, den ich damals hatte.

Prof. Dr. Jalid Sehouli: Verrückt, weil ich kann dir ja sagen, ich habe ja Pelé getroffen, in Berlin, im Wedding. Und zwar war er, glaube ich, für Puma unterwegs und ich habe ihn dort begegnet. Er war umgarnt von vielen Kindern und ich war ihm extrem nah und habe ihn sogar berührt. Eine verrückte Geschichte, aber nichtsdestotrotz. Welche Position hast du gespielt und welcher Verein ist denn hinter diesem Ostwestfalen?

Christian Bracht: Also ich habe bei einem Verein gespielt, der FC Gütersloh heißt. Das ist ein kleiner Ort, hatte damals aber einen ganz mächtigen Sponsor und darum hat die erste Herrenmannschaft damals sogar in der dritten Liga gespielt, in der höchsten Amateurklasse, weil gute Gehälter gezahlt worden sind für die. Und die meiste Zeit meiner Karriere habe ich Libero gespielt, eine Funktion, die es heute gar nicht mehr gibt. Das sind heute Innenverteidiger und eigentlich auch eine ganz andere Aufgabe. Aber das, was Franz Beckenbauer gewesen ist, das war meine Rolle. Später ging es ein bisschen ins defensive Mittelfeld. Also ich war immer eher in der Defensive als in der Offensive beschäftigt.

Prof. Dr. Jalid Sehouli: Siehst du, deswegen bin ich auch so glücklich bei WeissBunt zu sein, weil man Menschen noch besser kennenlernt und wir kennen uns ja schon seit Längerem und wir können ja das nachher auch erzählen, in welchen Konzepten und Projekten wir arbeiten. Aber auch ich habe Libero gespielt und auch ich habe defensives Mittelfeld und rechter Verteidiger eine Zeit lang gespielt und war bei dem Fußballverein, bei dem Thomas Häßler groß geworden ist.

Christian Bracht: Welcher ist das? Sind das die Reinickendorfer Füchse?

Prof. Dr. Jalid Sehouli: Falsch.

Christian Bracht: Häßler? Ist das Hertha BSC? Blau-Gelb. Welcher Fußballclub in Berlin ist Blau-Gelb? Hat der Zehlendorf auch nicht, oder?

Prof. Dr. Jalid Sehouli: Nein, Blau-Gelb. Blau-Gelb war Minerva 98 oder FC Meteor 06. Das war mein Verein, Meteor 06. Und das war der Urverein von Thomas Häßler und ich habe ihn auch gesehen als Jugendlicher. Und da ist mir schon aufgefallen, wie er als Spieler von der eigenen Strafraumhälfte bis zum gegnerischen Tor sich durchgedribbelt hatte. Und er war damals schon ein kleiner Jugendstar beim FC Meteor 06.

Prof. Dr. Jalid Sehouli: Jetzt zurück in die Welt und wir sind ja auf der Suche nach dem Code des Lebens. Was ist ein Medienunternehmen und ist ein Krankenhaus auch ein Medienunternehmen?

Christian Bracht: Ja, ein Medienunternehmen, also Axel Springer ist ein Medienunternehmen. RTL Gruppe ist ein Medienunternehmen. Die New York Times ist ein Medienunternehmen. Und große Influencer, die ihr Geld damit verdienen, sind Medienunternehmer. Das sind, wir reden davon von Organisationen, die damit versuchen Geld zu verdienen, dass sie Geschichten erzählen. Das ist mehr oder weniger ein Medienunternehmen. Und diese Geschichten kann man natürlich in diversen Kanälen platzieren. Das kann Fernsehen sein, das kann Radio sein, das sind heute Podcasts. Das ist das altbewährte Printmedium. Das sind Social Media Kanäle. Und das können heute auch Blockchain-Aktivitäten sein. Also es gibt diverse Möglichkeiten, diese Geschichten dann zu erzählen. Und natürlich ist die Charité auch ein Medienunternehmen. Natürlich nicht im Kern ihres Geschäftes, aber es gibt so viele wundervolle Geschichten, die die Charité erzählen kann und wahrscheinlich auch tut. Weil die lange Geschichte, die Erfolge, die lebensrettenden Dinge, die hier passieren, die Forschung, die hier passiert, die Ausbildung von Medizinern, alles das sind ja Geschichten, für die sich teilweise eine Zielgruppe interessiert. Und darum ist die Charité auch untergeordnet ein Medienunternehmen. Letztendlich ist ja das Thema Medien oder Kommunikation natürlich für jeden wichtig, jeden Einzelnen. Aber auch natürlich für so eine Struktur.

Prof. Dr. Jalid Sehouli: Und kannst du mir aber nochmal den Unterschied zwischen einer Geschichtenerzählerei als Medienthema oder geht es hier um die Botschaft? Oder kann man das gar nicht trennen?

Christian Bracht: Nein, das kann man nicht trennen. Also es geht immer um Informationen. Geschichtenerzählen ist immer der platte Begriff, was ich sage, wenn ich mich an der Bar oder beim Essen vorstelle. Aber es geht natürlich viel komplexer. Es geht um die Vermittlung von Informationen. Und da gibt es natürlich die unterschiedlichsten Arten, wie man das machen kann. Da werden wir wahrscheinlich auch noch drüber sprechen. Die Fachinformationen, die für einen ganz bestimmten Kreis gelten und die Boulevardmedien, die erreichen, die müssen eigentlich jeden erreichen. Jeder muss es verstehen. Die Headlines der Bild-Zeitung sind deshalb sehr einfach und klar strukturiert und die Texte. Also das hängt ganz davon ab, letztendlich was die Aufgabe ist, was es zu kommunizieren gibt und wer letztendlich der Rezipient der Zielgruppe ist, der Botschaft.

Prof. Dr. Jalid Sehouli: Wie wird man denn Medienunternehmer? Oder wann ist das bei dir so gewesen, dass du gesagt hast, ja, jetzt widme ich mein Leben dieser Thematik?

Christian Bracht: Ich bin von Haus aus Betriebswirt. Ich habe Betriebswirtschaftslehre studiert in Düsseldorf. Ich habe dann während der Zeit und auch danach einige Jahre in der Werbung verbracht. Und Werbung sind Botschaften in sehr zugespitzter Form. Man sucht dann immer einen Vorteil. Und diesen Vorteil versucht man zu dramatisieren in der Kommunikation. Das hat mir aber dann nicht mehr so viel Spaß gemacht. Und es hat mich dann etwas gefunden, nämlich das Mediengeschäft. Zufällig, weil ich mich selbstständig gemacht habe. Und die erste Aufgabe, die mein junges Unternehmen hatte, war ein Magazin zu erstellen, ein Golfmagazin zu erstellen, eine Golfbeilage für die Zeit. Und ich war schon immer ein Konnoisseur von Zeitschriften. Ich habe es geliebt, Zeitschriften zu konsumieren. Also wenn man mir eine Zeitschrift gegeben hat, dann kann ich mich darin verlieren. Wenn sie gut gemacht ist, wenn sie gute Ideen hat, wenn sie gute Geschichten hat. Das geht mir heute noch so. Und auf einmal hatte ich das als Aufgabe. Und weil ich keine Hybris habe, habe ich das damals mit einem erfahrenen Chefredakteur zusammen gestaltet. Und ich habe gemerkt, mein Gott, das ist ja eigentlich das, wofür du eine große Leidenschaft hast. Und aus diesem kleinen Golfmagazinchen sind dann die verschiedensten Dinge entstanden in den vielen Jahren, seitdem ich selbstständig bin als Medienunternehmer.

Prof. Dr. Jalid Sehouli: Was macht denn eine gute Zeitschrift aus? Weil die Frage auch die stellen wir uns ja. Und ich hatte heute erst wieder so ein Mitarbeitergespräch. Da ging es um Forschungsförderung. Was macht denn eine gute Publikation aus? Also woran misst man, dass eine Publikation gut ist? Woher weiß man, dass ein Magazin gelungen ist? Ist es die Auflage oder ist es die Qualität des Papiers? Woran misst man die Qualität? Wann bist du zufrieden mit einem Magazin?

Christian Bracht: Ja, die Auflage ist natürlich ein Indikator. Die Qualität des Papiers ist was Oberflächliches. Nein, ich glaube, was mich persönlich glücklich macht, besonders glücklich macht, das ist, wenn mir Leute Dinge zurückspielen, was sie gut fanden oder auch was sie nicht gut fanden. Aber dass ich merke, deine Texte, deine Geschichten werden gelesen, konsumiert und erzeugen eine Reaktion. Das ist eigentlich das Schönste. Das ist aber qualitativ. Was machen gute Magazine aus? Dass sie bestimmte Bedürfnisse befriedigen. Das heißt, dass es Interesse gibt, das zu lesen, was man kommuniziert. Und dann qualitativ natürlich, dass Texte eine gewisse Substanz haben, dass Fotos oder Illustrationen einen reinziehen und dass ein spezielles Magazin, wir reden davon, unterschiedliche Tempos hat. Also eine lange Geschichte, dann kurze Geschichten, was Lustiges, was Ernstes. Also nicht wie eine Broschüre, die letztendlich ein Thema bespielt, sind gute Magazine letztendlich ein Kesselbuntes, kann man eigentlich sagen, was jemanden unterhalten und informieren sollte.

Prof. Dr. Jalid Sehouli: Als ich angefangen habe zu schreiben, und ich habe ja, denke ich, über 2000 Veröffentlichungen, vielleicht sind es auch 3000, wissenschaftliche Texte, Lehrtexte etc. Aber ich habe erst wirklich gelernt als Schriftsteller, mir die Frage zu stellen, wenn ich etwas schreibe, wie nimmt die Leserin oder der Leser meine Schreiberei, mein Werk an? Weil ich habe, würde ich sagen, jahrzehntelang das nur aus der Produktionsperspektive wahrgenommen und wollte zeigen, wie schlau ich bin, was ich alles erfahren habe. Und jetzt, auch heute wieder, kam ein junger Assistent mit einer Publikation, da ging es um eine junge Frau, die einen Tumor hatte und wo wir die Patientin operiert haben, aber gegen fast alle Leitlinien, die Gebärmutter und auch die Fertilität, in einem Eierstock, erhalten haben und das Kind jetzt neun Jahre alt ist. Und darum habe ich gebeten, das zu veröffentlichen. Und er kam zu mir mit dieser Publikation, da ging es, wer sind denn die Co-Autoren, wer hat dazu mitgewirkt? Und er zeigte mir die Publikation mit sechs Bildern. Und dann habe ich gefragt, warum diese sechs Bilder? Und da war es so, dass einige Bilder eigentlich dasselbe erzählt haben wie das andere Bild. Und das ist doch unnötig. Und da waren auch vier Tabellen, wo ich sage, die Tabellen sind ja nett, aber die sind ja schon im Text beschrieben. Also warum brauche ich diese? Und ich glaube, das ist nochmal ganz wichtig, dass man eben sich einmal daran misst, ob es bei den Patienten ankommt. Also das heißt, einmal die Frage wäre, wenn ich jetzt eine Broschüre habe, kommt die wirklich bei den Patienten an? Also produzieren, Auflage ist ja eine Sache. Aber sind die auch wirklich angekommen? Ich erinnere mich immer an die Zettel, die ich für meinen Bruderherz, der ja ein Schuhhändler ist, für seinen Schuhladen als Werbung, dieses Toscanini. Ich habe es ja wirklich in die Briefkasten geworfen, aber ich habe ganz viele andere gesehen, die die Zettel einfach nur in den Mülleimer geworfen haben. Und die Auflage war genauso groß. Aber wie viel haben tatsächlich den Menschen erreicht? Und wie viele Menschen haben tatsächlich diese Botschaft wahrgenommen und haben dann vielleicht im Nachhinein tatsächlich den Laden aufgesucht oder die Botschaft in meiner Veröffentlichung verstanden? Und vielleicht haben sie das inspiriert. Das ist ja das, warum wir über Zitate reden, über Zitierungen. Wie häufig ist mein Artikel wiederverwendet worden bei anderen Publikationen? Aber dass man eben wirklich sich die Frage stellt, welche Botschaft? Ist das Medium das Richtige? Und drittens, kommt es wirklich an? Und deswegen finde ich das so spannend, weil ich glaube, da gibt es ganz viele Parallelen. Ob das jetzt dieser wunderbare Zeitschrift Sleek heißt die ja. Ich sehe gerade diese wunderbare Zeitschrift Sleek, wo man von vornherein sieht, oh, da ist ein Konzept und das Papier ist ganz besonders, aber auch es sieht so aus, dass man Lust hat, irgendwo jetzt mal anzufangen, mal reinzulesen. Ich glaube, das ist schon mal der erste Schritt.

Christian Bracht: Genau. Man muss abgeholt werden erstmal. Und in der Tat, man muss sich sehr viel Gedanken machen über den Aufbau von Artikeln und von Magazinen oder von Geschichten generell. Das darf nicht redundant sein. Das ist dann Quatsch, die gleichen Bilder zu verwenden oder das gleiche Bild, was die gleiche Geschichte nochmal ein bisschen anders erzählt, macht einfach keinen Sinn. Da muss man nachdenken. Und darum ist Journalismus natürlich auch ein Ausbildungsberuf und jeder denkt, er könnte schreiben, aber ganz so einfach ist es natürlich nicht. Und wenn man das erfolgreich machen möchte, also dass viele Leute gutieren, was man macht, dann muss man sich schon dezidiert Gedanken darüber machen, was man kommuniziert.

Prof. Dr. Jalid Sehouli: Du beschäftigst dich hier auch sehr mit Branding. Also Branding. Branding ist ja erstmal auch so ein Wort, was teilweise ja inflationär verwendet wird und das kann man ja für alles nehmen. Aber was ist für dich denn so das Geheimnis eines positiven Brandings oder besser gesagt, welche Kardinalfehler darf man nicht tun, wenn man sich mit Branding beschäftigt? Hast du da einen Code?

Christian Bracht: Also das ist glaube ich relativ simpel. Marken, Brands, müssen, brauchen eine klare Definition, eine klare DNA. Man muss genau wissen, wofür diese Marke steht und diesen Kern definieren. Und dann muss man selbstähnlich sein. Sprich, man darf nicht groß variieren. Man muss sich natürlich immer ein bisschen weiterentwickeln. Das ist vollkommen logisch. Aber man muss konsistent sein in seiner Kommunikation. Und das kann man übrigens sehr, sehr gut lernen von Luxusmarken. Luxusmarken, das ist interessant, wir haben sehr viel mit Luxusmarken zu tun, weil das unsere Kunden sind. Jede Luxusmarke wird eigentlich diktatorisch geführt. Ich hatte das Vergnügen, Giorgio Armani schon persönlich kennenzulernen. Und der gibt, der hat alles bis einschließlich das Zuckersachet für seine Armani-Cafes hat er alles freigegeben. Es gab nichts, was Signore Armani nicht freigegeben hat. Sprich, es war sogar ein Bottleneck, aber dieses Bottleneck hatte natürlich ein wahnsinnig hohes Verständnis von der Marke und nur was über seinen Schreibtisch positiv gutiert worden ist, durfte dann auch letztendlich an die Öffentlichkeit. Und darum ist diese Marke so stark und das gilt übrigens für ganz viele Luxusmarken, die sehr strikt kontrolliert werden von oben von der Leitung her.

Prof. Dr. Jalid Sehouli: Aber woher weiß man denn, wie die DNA ist, wenn man gerade am Anfang ist oder noch nicht eben das Gefühl hat und erst mal nur am Gewebe ist, also an der Oberfläche und gar nicht auf Zellebene geht?

Christian Bracht: Das hängt natürlich ganz davon ab, für was diese Marke ist. Es gibt ja immer wieder neue Marken, das kann man natürlich auf dem Reißbrett definieren. Das muss man halt so definieren, dass es zu dem Segment passt. Limonaden ist etwas anderes wie Luxusuhren. Und man muss natürlich ein sehr gutes Gefühl haben, für wen die Marke ist. Also sprich, die Zielgruppe verstehen. Ich kann eine Kindermarke, da würde ich nicht mit Schwarz-Weiß arbeiten, mit sehr eleganten oder sehr kontrastreichen Farben, sondern würde ich bunt dann gestalten. Also das ist eine komplizierte Aufgabe. Und das kann man aber am Schreibtisch definieren und Marken entwickeln. Aber dazu ist halt eine große Portion Kreativität notwendig.

Prof. Dr. Jalid Sehouli: Kreativität und wahrscheinlich auch Selbstreflexion, dass man zumindest, wenn man jetzt noch nicht die DNA kennt, erst mal versteht, welche Schichten einem wichtig sind. Und zwar heute Morgen und übermorgen, was man ja durchaus weiterentwickeln kann. Aber ich finde, das ist nochmal ganz, was du gesagt hast, es muss irgendwie passen. Und diese Intuition ist weiterhin wichtig, aber es braucht trotzdem eine Matrix, einen Rahmen. Und es muss passen. Und das, glaube ich, ist das, was wir auch immer wieder diskutieren, auch im Gesundheitswesen. Wie kann man denn eine einheitliche Botschaft nach außen formulieren? Also wie passt die Visitenkarte mit der Webseite und tatsächlich mit dem tatsächlichen Leben zusammen? Und sind alle in dem Gesundheitssystem oder in der Organisation sich dieser DNA oder Gewebeschicht überhaupt bewusst? Und identifizieren sie sich auch damit? Und wie grenzen sie sich denn von anderen ab? Und ich glaube, das ist nochmal so wichtig, dieser Unique Selling Point. Also was ist anders? Also warum macht es denn Sinn, eben tatsächlich dann auch den längeren Weg auf sich zu machen? Oder warum macht es denn Sinn, dass ich mehr Geld für das Produkt einsetze, wenn es vielleicht auch woanders günstiger gibt?

Christian Bracht: Absolut. Genau, das ist die Stärke von Marken. Das gilt natürlich auch im Gesundheitsbereich. Ich glaube, wenn es, Gott sei Dank habe ich kein Krebs, aber wenn ich Krebs hätte und ich habe ja die Auswahl von Krankenhäusern in Berlin, ich würde immer die Charité wählen, weil es die Universitätsklinik ist, weil hier wahnsinnig viel Know-how ist. Ich würde keine andere Krankenhausmarke wählen, keine andere Krankenhausbrand, sondern ich würde zu dem Marktführer gehen, zu der Marke, die mir das Gefühl gibt, dass da das meiste Know-how vorhanden ist.

Prof. Dr. Jalid Sehouli: Ich glaube, das ist nochmal ganz wichtig, dass man auch genau, wie du sagst, eben tatsächlich sich auch seinen Stärken, aber auch seinen Schwächen bewusst ist, aber auch das in seiner Kommunikation klar macht. Und ich habe nur manchmal das Gefühl, dass man immer so als letzter Akt der Fahnenstange, wenn gar nichts mehr geht. Und das weiß man aber, dass gerade in der Medizin es gar nicht eben wichtig ist, am Ende, sondern noch fast wichtiger am Anfang der Möglichkeiten, eine Präzisionsmedizin zum Beispiel in Anspruch zu nehmen oder eben eine Studie etc. Aber ich glaube, das ist auch nochmal wichtig, dass man da auch schaut, wie ist denn meine Botschaft tatsächlich angekommen? Und ich sage immer wieder, wenn es um die Arzt-Patienten-Kommunikation geht, ist es einmal wichtig zu wissen, was will ich von mir geben in der Botschaft? Aber noch wichtiger ist, was ist von meiner Botschaft tatsächlich angekommen und mich daran messe, was angekommen ist, nicht was ich erzählt habe. Macht ihr denn für eure Zeitschriften oder für eure Medienkampagnen auch strukturierte Analysen, wie es wirklich ankommt? Also wie realistisch, wie hilfreich sind denn diese Marktforschungsanalysen? Ich kenne das aus der Medizin. Da ruft dann irgendjemand an, morgens um neun, und will irgendeine Aussage und ich kann nur sagen, die sind häufig wertlos, weil ich mir mehr als sicher bin, dass der, der dran geht, gar nicht so tief in der Materie ist und auch die, die das befragen, manchmal auch gar nicht wissen, was sie eigentlich da fragen. Wie ist das in der Medien? Ich erlebe das ja auch immer, wenn ich da manchmal Radio höre, falls jetzt jemand anruft, sagen sie, sie hören den und den Sender. Aber wie hilfreich ist das?

Christian Bracht: Also ich habe da eine ganz klare Meinung dazu. Ich halte davon gar nichts. Also so deutlich. Ich habe viel mit Marktforschung zu tun gehabt in der Zeit, als ich Marketing und Werbung gemacht habe. Da ging es um Konsumprodukte, neue Konsumprodukte. Die muss man natürlich testen. Also testen heißt, ob es Bedarf gibt für bestimmte Produkte. Ich habe sehr viel für Weiterentwicklung von Deos gemacht, im kosmetischen Bereich, Gesichtscremes und so weiter und so fort. Das kann man nicht einfach so aus dem Bauch machen. Medienmenschen müssen leidenschaftliche Menschen sein, die Wissen oder ein sehr gutes Gefühl dafür haben, was man kommunizieren sollte. Ganz klar. Und ich glaube nicht, dass man das durch Marktforschung finden kann. Vielleicht melden sich jetzt ein paar Medienunternehmer nach diesem Podcast und sagen, ja, wir haben aber genau dieses Magazin oder diesen Kanal gemacht, weil wir so tolle Marktforschung machen. Ich glaube da nicht dran. Es gibt viele Sachen, die sind so entstanden, einfach aus dem Bauch, aus der Leidenschaft von Menschen heraus, dass ich glaube nicht, dass Marktforschung das irgendwie zutage getreten hätte. Und es gibt jetzt keinen Kanal. Print ist der Kanal nicht, Webseite ist der Kanal nicht, aber Social Media ist der Kanal, wo man das sehr klar irgendwie zurückgespielt bekommt, wie das ankommt. Wir betreiben bei Sleek auch Social Media. Das ist in erster Linie bei uns ist das Instagram und TikTok. Und wenn ich in die App reingehe, sehe ich das, auf die einzelne Person runtergebrochen, wie viele Leute das sich angeguckt haben, wie viele Leute das geliked haben, wie viele Leute Kommentare geschrieben haben. Das hat so ein bisschen den Nachteil, wenn man polemisch wird, wenn man provoziert, erzeugt das natürlich mehr. Das ist so ein Phänomen, was bei Twitter, jetzt X heißt es, passiert. Was bei TikTok passiert, das erklärt den Erfolg von radikalen Parteien, rechts und links, die das sehr gut bespielen können, gerade bei TikTok, weil dafür wird man belohnt, wenn viel Reibung ist. Aber man hat da auf jeden Fall ein direktes Feedback in Social Media.

Prof. Dr. Jalid Sehouli: Genau, also in den verschiedensten Zielgruppen. Und deswegen ist es, glaube ich, auch wichtig, dass man eben das aber trotzdem einordnet. Ich finde es auch trotzdem wichtig, dass was du jetzt auch machst, du gibst mir die Zeitschrift und fragst vielleicht ein paar Tage später, wie hat es mir gefallen. Und wenn es jemand ist, der ehrlich ist oder vielleicht auch noch so ein Gefühl dafür hat, Reflexion zu geben, dass man das natürlich kombiniert, dass man sich nicht verläuft. Ich denke auch, ich bin mir nicht immer sicher, ob alles, was in sozialen Medien als Interaktion passiert, tatsächlich in der Gesellschaft tatsächlich auch selbst relevant ist. Das weiß ich noch nicht. Nichtsdestotrotz, dass es trotzdem wichtig ist, das zu besuchen, aber auch blinde Marktforschungsanalysen nicht zu vertrauen. Das sage ich auch den Mitarbeitern der pharmazeutischen Industrie immer wieder. Lass uns lieber mit den Fokusgruppen arbeiten, mit den Menschen, die auch die richtigen Fragen stellen. Genau, weil ich mich auch interessiert, ob eine Fortbildung sich weiterentwickelt hat oder ob da Schwächen in der Ausbildung oder Weiterbildung oder in der Indikation sind. Aber das sind trotzdem alte Strukturen und natürlich gibt es auch viele Strukturen, die davon leben etc. Lieber Christian, erstmal ist das großartig, dass wir uns begegnet sind und ich finde auch wunderbar, dass wir diesen Krebs-Podcast auf den Weg gebracht haben, der auch, denke ich, nochmal einen ganz anderen Zugang für die Menschen ermöglicht, Appetit gibt, mit Menschen in Dialog zu gehen, aber auch über schwere Erkrankungen zu sprechen, aber auch Erfahrungen von Überlebenden oder Menschen, die sehr schwere Krisen erlebt haben, das zu destillieren für die Zukunft. Ich möchte aber trotzdem einmal nochmal kurz fragen, ob du heute wieder Medienunternehmer werden würdest. Das war ja damals ja irgendwie per Zufall oder weiß nicht, wie das erzählt, mit dem Auftrag des Golfmagazins, würdest du das wieder machen?

Christian Bracht: Das ist eine interessante Frage. Ich versuch's mal so zu beantworten. Ich mach das schon sehr lange. Ich bin jetzt 57 Jahre alt. Ich arbeite viel. Und ich gehe jeden Morgen, spätestens um neun, immer mit großer Freude in mein Büro. Und ich habe diese, wir zeichnen dieses Gespräch jetzt an einem Freitagabend auf. Ich habe wieder eine Woche gehabt mit wahnsinnig vielen interessanten Gesprächen, wahnsinnig interessanten Menschen. Und darum würde ich mal sagen, ja, wahrscheinlich würde ich das wieder machen. Nur eins muss man auch wissen, die Welt ändert sich sehr stark. Und darum in zwei Jahren mit künstlicher Intelligenz. Es passieren so viele Dinge. Vielleicht sieht das in zwei Jahren anders aus und da gibt es was, was mich noch mehr interessiert, aber de facto heute ist das wirklich ein Job, der mir wahnsinnig viel Spaß macht.

Prof. Dr. Jalid Sehouli: Ja, wir haben ja ähnliche, sag ich mal, Arbeitslasten. Also ich bin mir gar nicht so sicher, ob ich jeden Tag wirklich freue, in die Klinik zu kommen oder in die Medizin, das weiß ich gar nicht. Weil manchmal macht es mir auch Sorgen, weil ich schwere Operationen oder schwierige Themen zu bearbeiten habe oder Dinge noch abarbeiten muss, die ich bisher noch nicht abgearbeitet habe. Aber ich kann mir keinen besseren Job trotzdem vorstellen, weil ich das total liebe. Aber es ist natürlich trotzdem eine riesen Herausforderung. Aber auf der anderen Seite, glaube ich, ist das ein Teil des Erfolges, dass man eben so eine hohe Arbeitslast auch hat, dass man eine so hohe Arbeitslast hat. Auf der anderen Seite ist das auch, denke ich, so ein Preis. Und das habe ich mit meiner Frau auch mal besprochen, die ja bekanntermaßen Psychologin ist. Ich aber nicht ihr Patient bin, aber ich höre ihr natürlich zu. Und die auch immer wieder sagt, dass natürlich diese Identifikation mit einer Arbeit und auch die fehlende Delegation Teil des Erfolges ist, aber natürlich auch ein Teil des Konfliktes. Man kann natürlich nur so gut werden, wenn man am Anfang alles auch macht. Aber in einer gewissen Struktur des Unternehmens muss man delegieren. Und auch wenn es um die Nachhaltigkeit geht, braucht man natürlich andere Strukturen. Auf der anderen Seite, und so haben wir uns ja auch kennengelernt, lieben wir auch die Herausforderungen. Wir gehen ja auch manchmal in Felder, die neu sind. Aber das voneinander lernen, aber auch sich selbst nochmal zu hinterfragen. Und natürlich habe ich, und wie du, eine großartige Woche, aber wo ist die Zeit zu deeskalieren oder auch nochmal zu destillieren? Es geht irgendwo ins Unterbewusstsein. Schönen Gruß an meine Frau. Aber das ist natürlich trotzdem nochmal harter Tobak.

Christian Bracht: Das stimmt, ja, vollkommen richtig. Aber doch, ich genieße für mich selber diese Begegnung. Das finde ich auch. Die gutiert für mich selber sehr. Und eine Sache noch, natürlich, Mediengeschäft ist auch Stress und schwierig. Und ich zitiere dich dann immer. Wenn meine Leute sich beschweren, dass alles so stressig und so anstrengend und was alles nicht funktioniert, am Ende reden wir über nicht wirklich wahnsinnig wichtige Sachen. Und ich sage, pass mal auf, ihr kennt ja alle Professor Sehouli. Wenn der Stress hat, dann heißt das, es geht um Leben und Tod. Und das ist Stress. Und das ist wichtig. Und wenn wir hier jetzt ein Shooting verhauen oder etwas Falsches schreiben und jemand regt sich darüber auf oder einen Shitstorm bekommen, dann ist das irgendwie nicht schön, aber das ist kein Stress. Aber bei einer OP irgendwie ein paar Millimeter zu nah zu schneiden und das hat unfassbare Auswirkungen für einen Menschen. Das ist Stress. Und das nehmen die immer ganz gut dann mit und relativieren dann ihren eigenen Stress in die Hand.

Prof. Dr. Jalid Sehouli: Ja, die Demut glaube ich ist immer ganz wichtig und was du auch sagst, es gibt sehr, sehr große Tragödien, es gibt mittelgroße und es gibt kleine Tragödien und ich glaube, das verlieren wir in der Gesellschaft und deswegen ist das wunderbar, dass wir hier bei WeissBunt auf der Suche nach dem Code des Lebens sind und ich immer wieder erkenne, dass letztendlich der Code der Problematik oder der Herausforderung trotzdem immer ähnlich ist. Und natürlich in der Medizin, dass es noch sensibler ist, es brennt, weil es geht um Existenzielles, es geht um Akutversorgung. Aber am Ende des Tages können wir von allen Bereichen lernen. Lieber Christian, erstmal ist das großartig und mein Ehrengast darf immer noch zum Schluss, auch wenn ich ihm das nicht wünsche, nach einer Henkersmahlzeit frage ich, was wäre deine Henkersmahlzeit und wer würde diese dir zubereiten?

Christian Bracht: Uiuiui. Also die Mahlzeit ist einfach zu definieren. Es gibt ein Gericht, was ich wirklich ungelogen jeden Tag essen könnte und das leider auch oft tue. Das ist, ich liebe Wiener Schnitzel. Wirklich. Ich liebe Wiener Schnitzel. Es gibt hier in Berlin dieses bekannte Restaurant Borchert. Die haben meiner Meinung nach ein exzellentes Wiener Schnitzel. Viele sagen, das ist gar nicht so toll. Ich liebe das dort und ich gehe da seit 20 Jahren, gehe ich dahin. Und eigentlich esse ich immer dort Wiener Schnitzel. Also darum würde ich mich für das Wiener Schnitzel entscheiden. Henkersmahlzeit. Natürlich mit Bratkartoffeln, nicht mit dem klassischen Kartoffelsalat. Und mit einem Gurkensalat dazu. Das wäre meine Henkersmahlzeit. Tja, wer sollte mir das servieren? Das ist eine interessante Frage.

Prof. Dr. Jalid Sehouli: Die musst du nicht beantworten.

Christian Bracht: Ja. Doch, etwas nicht zu beantworten ist, das hat dann auch keine Haltung. Ich hätte eine Idee. Vor, im Sommer habe ich ein wahnsinnig interessantes Interview geführt mit einem katholischen Geistlichen, Erzbischof Gänswein. Das ging um die, es ging um das Thema Immersion, also das Tiefe-Eintauchen in Dinge. Da hat die katholische Kirche natürlich tausend Jahre Geschichte mit den ganzen Riten, die dort passieren. Ich glaube, wenn es dann aufs Ende zugeht, und ich mein Schnitzel bekomme, würde ich glaube ich ein philosophisches Gespräch mit einem katholischen Geistlichen, vielleicht der Papst, vielleicht aber auch ein Kardinal oder Bischof, ich kann das jedem empfehlen, hoch interessante, tolle Gespräche, die man mit denen führen kann. Toll ausgebildete Leute, sehr philosophisch. Ich würde wahrscheinlich so ein Gespräch führen, um dann in den wohlverdienten Himmel aufzusteigen.

Prof. Dr. Jalid Sehouli: Also, lieber Christian, ein wunderbares Ende. Danke, dass du die Zeit heute bei WeissBunt genommen hast und freue mich auf unsere gemeinsamen Projekte und auf neue magische Begegnungen. Vielen, vielen Dank.

Christian Bracht: Vielen Dank auch von meiner Seite.

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